Der Leitartikel zum Rücktritt von Christian Wulff
Lausitzer Rundschau 2012-02-18
Der Präsident verliert sein Schloss
Christian Wulff legt seine Rolle als Bundespräsident ab

Bundespräsident Christian Wulff hat am gestrigen Freitag seinem Land einen letzten Gefallen getan und ist zurückgetreten. Bis zuletzt blieb er seiner Linie treu und fand keine eindeutigen Worte der Selbstkritik.
„Ich war immer aufrichtig“, sagte der scheidende Präsident in der Stunde des Abschieds vor laufenden Kameras. „Die Berichterstattungen . . . haben meine Frau und mich verletzt.“ So spricht ein Mensch, der seine Hände in Unschuld wäscht. Der Makel möge doch bitte am Überbringer der schlechten Nachricht kleben. Schuld sind die anderen. Im Zweifelsfall war es der Berichterstatter.
Fein ging es in den Nachrichten- und Kommentarspalten der Medien in den vergangenen Wochen in der Tat nicht immer zu: Wulff wurde mit Hohn und Spott übergossen, mitunter öffentlich gedemütigt. Doch angesichts der zähen, zweimonatigen Rücktrittsgeschichte fällt es schwer, den Spöttern Boshaftigkeit zu unterstellen. Denn Humor ist oft auch nur ein Schutz vor zu viel Schmerz, der entsteht, wenn ein Präsident sein Volk enttäuscht.
WAS BLEIBT IST EIN VERB
Die watteweiche Strategie des Präsidenten, keine klaren und vollständigen Stellungnahmen zu den verschiedenen Vorwürfen abzugeben, brachte der deutschen Sprache immerhin ein neues Verb ein: „wulffen“ wird Einzug in die Wörterbücher halten. Sieben Buchstaben, die von diesem Präsidenten bleiben.
Am Ende dieses düsteren Weges aus dem Präsidentenamt ist Wulff also zu einer Witzfigur verkommen, die nur noch in den bevorstehenden Karnevals- und Faschingszügen heitere Gefühle wecken wird. Doch das Lachen bleibt irgendwie im Halse stecken, denn wirklich komisch ist am Niedergang des Präsidenten, der mehr eine Rolle im Schloss Bellevue spielte als dass er das Amt bekleidete, nichts.
Es war dann auch die Rolle, der er nicht gewachsen war, und die ihn niederriss. Er beachtete nicht, dass ein Bundespräsident mit anderer Elle gemessen wird als beispielsweise ein Kleingarten-Präsident. Bei genauer Betrachtung der langen Liste der Vergehen lässt sich nämlich erkennen, dass die Vorwürfe eine ganz andere Bewertung bekommen hätten, wenn sie dem Nachbarn aus der Kleingartenkolonie zur Last gelegt worden wären. Ein günstiger Kredit von einem guten Freund? Dumm ist das nicht. Ein kostenloser Urlaub – ei, was für ein Schnäppchen! Und mal ehrlich, muss ich immer gleich alles zugeben, was andere mir vorwerfen, selbst wenn es stimmt?
KEIN KLEINGARTEN-PRÄSIDENT
Ein Kleingarten-Präsident kann sich Bauernschläue leisten, ein Bundespräsident niemals. Deshalb musste Wulff zurücktreten, und deshalb ist es richtig, zu sagen, dass er seinem Land einen letzten Gefallen getan hat.
Weil die Debatte der vergangenen Wochen aber sehr oft sehr emotional und wenig rational geführt wurde, bleibt ein fader Nachgeschmack – zuweilen traten die Aufklärer im Gewand des Eiferers auf und die nötigen Aufklärungsbemühungen erschienen mitunter wie eine Hetzjagd. Gestern noch titelte eine deutsche Tageszeitung: „Staatsanwälte jagen Wulff“. Und? Wurde er jetzt erlegt?
Für die Behandlung offener Seelenwunden bietet sich ein Lyriker wie Hermann Hesse an. Es sei erlaubt, sein zauberhaftes Stufen-Gedicht ein wenig abzuwandeln: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – und jedem Anfang ein Stück Zukunft. Der gestrige Tag macht durchaus Hoffnung: Wulff wurden in den ersten Reaktionen keine Dreckkübel nachgeworfen, was ein Zeichen von Souveränität ist. Und die Debatte über die nächsten Schritte und die mögliche Nachfolge verläuft sachlich. Insofern eine fast schon versöhnliche Stimmung, die in Leitartikeln gerne mit den Worten „Bleibt zu hoffen, dass . . . “ eingefangen werden. Bleibt zu hoffen, dass Deutschland jenseits parteipolitischer Eifersüchteleien einen Präsidenten findet, der würdig sein Volk vertritt. Ein Präsident, der nicht nur das Staatsoberhaupt spielt, sondern es ehrlich und authentisch verkörpert.
Johannes M. Fischer